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Pilger auf Lebenszeit

 
gemailt von Olivia Neef

Pilger auf Lebenszeit

Im Morgengrauen packt er sein Bündel.
Er möchte die frische Luft nutzen, bevor die Mittagshitze eintritt.
Es ist noch dunkel, aber er vertraut darauf, den richtigen Weg zu finden.
Es gibt außerdem Wegweiser, die seinen Pilgerweg beschreiben.

Sein Rucksack scheint heute schwerer zu sein als die letzten Tage.
Auch die Füße tun weh; sie sind wund gelaufen von den vielen Kilometern.
Der Wanderstock gibt Halt, sein gleichmäßiges Aufschlagen auf dem Boden schenkt Rhythmus, der beruhigt.
Trotzdem ist heute jeder Schritt schmerzhaft.

Langsam geht die Sonne auf.
Der Pilger betrachtet, wie sie ihr Licht über dem weiten Land entfaltet.
Sie ist wunderschön, ihre Strahlen erhellen den Weg.
Es ist Zeit für eine Pause. Ein Schluck und ein Stück Brot beleben neu.
Dann spricht er ein Gebet und bittet um einen gesegneten Tag und viel Kraft für den Weg.
Die Rast dauert nicht lange.

Der Pilger ist sich seiner Identität bewusst: Er ist auf dem Weg, er wandert.
Er kann sich nicht ausruhen, denn er hat ein Ziel oder besser gesagt viele kleine Ziele.
Es ist gut, auf dem Weg zu sein. Aber auch die Ankunft am Wegesende erfüllt ihn mit Sehnsucht, deswegen wandert er tapfer, selbst mit Schmerzen.

Der Weg ist an diesem Tag mühsam, es geht steil bergauf. Der Pilger trifft andere Weggefährten. Manche begleiten ihn ein Stück. Sie tun ihm gut und lenken ihn von seinem Leid ab. Dann ist er wieder alleine. Seine Gedanken kehren zu ihm selbst zurück. Sie klagen, sie möchten heute nicht mehr weitergehen. Er kämpft dagegen an, sieht die anderen an sich vorbei wandern mit schnellem Schritt. Wessen Weg ist es? Möchte er so schnell gehen wie seine Weggefährten oder ist er bereit, anzuhalten und inne zu halten?

Ein altes Steinkreuz am Wegrand lädt ihn zu einer Pause ein. Er setzt sich. Plötzlich macht es ihm nichts aus, dass die anderen schneller sind als er. Der Pilger ist angekommen- an einem Zwischenziel, das gut ist für ihn selbst. Seine Füße danken es ihm.

Nach einer langen Zeit steht er wieder auf und wandert weiter. Die Sonne strahlt hell und verbreitet Hitze. Er schwitzt, aber er hat neue Kraft bekommen, weil er sich Zeit nahm, sich auszuruhen, auf sich selbst zu hören und seine Umwelt zu beobachten.
An einer unebenen Stelle stolpert er plötzlich und fällt hin, aber er ist beschützt- es passiert ihm nichts, und er steht wieder auf, als wäre dies die normalste Sache der Welt.

Im gleichmäßigen Rhythmus schlägt sein Stock wieder auf der Erde auf. Sein großer Hut spendet ihm ein wenig Schatten. Der Pilger ist auf dem Weg angekommen. Auf seinem eigenen Weg und nicht auf dem weg, den Millionen von Menschen schon gelaufen sind oder gerade laufen. Nur manche Stationen sind unter Umständen gleich, die Wegweiser gelten für alle, aber der Pilger ist auf seinem eigenen Weg. Er bestimmt Pausen, Rhythmus, Kilometerzahl. Er wünscht sich die Schmerzen nicht, aber er setzt sich mit ihnen auseinander, wenn sie auftauchen. Bei allem Schrecklichen nimmt er sich Zeit für das Schöne und beobachtet seine Umwelt. Er fordert viel von sich, aber er weiß, dass es sich für seinen Weg nicht lohnt, sich zu überfordern, denn am nächsten Tag könnte er dann nicht mehr weitergehen.

Der Pilger muss nichts tun, was er nicht möchte oder kann. Er ist frei auf seinem Weg. Äußere Umstände bestimmen ihn manchmal, aber er ist nicht ihr Sklave. Es steht ihm jederzeit offen, seinen Wanderstab zu nehmen und zum nächsten Ziel zu gehen. Andere zwingen ihn zuweilen, etwas zu tun, was ihm selbst nicht entspricht. Der Pilger ist stark, er hält den Zwang aus, aber er muss sich ihm nicht auf Dauer ergeben. Immer wieder kann er sich auf seinen Rhythmus besinnen und seinen Weg wieder finden. Selbst die Wegweiser sind nicht immer gut, sie führen ihn in die Irre, er verläuft sich, findet für kurze Zeit den Weg nicht mehr, aber er ist beschützt. Weggefährten helfen ihm, wieder seinen eigenen, richtigen Weg zu finden.
Ein ganz besonderer Weggefährte begleitet den Pilger auch auf Irrwegen und führt ihn- wenn nötig- wieder auf den guten Weg. Der Wanderer begegnet ihm im Gespräch mit sich selbst oder mit Menschen, die ein Stück Weg mit ihm teilen.

Der Pilger geht seinen eigenen Weg- er verfolgt dabei Wegweiser eines Jahrhunderte alten Weges. Aber dieser Pfad ist nur ein Anhaltspunkt. Er selbst muss anders gehen. Nicht der Weg, sondern sein Weg ist das Ziel.
Er ist Pilger auf Lebenszeit.

© Olivia Neeff, 23.09.06, Maximiliansau