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Der Gegner

 
gemailt von Olivia Neef

Der Gegner

Er zog seine Boxhandschuhe an und schlug auf den Boxsack ein. Aus Minuten wurde eine Stunde, aus einer Stunde wurden zwei. Vor Anstrengung verzog er das Gesicht zu einer schrecklichen Grimasse. Er sah böse aus. Sein Hemd war schweißdurchnässt, sein Herz pochte laut. Immer noch schlug er zu, aber der Boxsack gab nicht auf, je mehr Kraft er aufwandte, desto schneller und schwungvoller kam ihm der Sack wieder entgegen. Es war zum Heulen, aber eigentlich wollte er es so.

Er wollte den Boxsack nicht niederstrecken, denn dann wäre alles still. Da der Sack immer wieder zurückschnellte, war der Kampf unendlich, raubte ihm seine Kräfte und bewies ihm gleichzeitig, wie stark er war und wie unerbittlich er durchhalten konnte. Nach zweieinhalb Stunden Kampf duckte er sich erschöpft vor dem zurückschnellenden Boxsack, sank in die Knie, und der Sack beruhigte sich langsam, bevor er ganz zum Stillstand kam.

Er legte seine schweißnasse Stirn auf den Boden, verweilte kniend und weinte. Er hatte wieder nicht gewonnen, aber er würde den Kampf jederzeit wieder aufnehmen können. Seine Offenheit dafür, sich erniedrigen zu lassen, war für ihn selbst unfassbar, aber er hoffte, eines Tages zu gewinnen.

Die nächsten Tage, Wochen und Monate kämpfte er täglich, immer wieder musste er sich kniend seinem Gegner ergeben. Als er nach zwei Jahren erneut mit seinen Boxhandschuhen vor dem Boxsack stand, begann er nicht, auf ihn einzuschlagen. Er lauschte in die Stille hinein und betrachtete ruhig seinen Gegner. Seine Arme spürten keinen Drang danach, auf den Sack einzuschlagen. Wie angewurzelt stand er mehrere Minuten vor dem Boxsack. Aus den Minuten wurde bald eine Stunde.

Er beobachtete genau, wer sein Gegner war. Immer noch stand er da und sank nicht in die Knie. Er weinte nicht, das übliche Ritual blieb aus. Er schaute den Boxsack an, jedes Teil von ihm, die schönen Formen und die weniger schönen. Er sah alles und glaubte, es nie vorher so genau gesehen zu haben- trotz des täglichen Kampfes damit. Jedes Detail wurde ihm klar. Er hatte den Überblick. Und er hatte die Macht. Jetzt war seine Stunde gekommen.

Langsam erwachte er aus seinem tranceartigen Zustand. Er schlug nicht auf den Sack ein, sondern erhob wie in Zeitlupe und voller Behutsamkeit seine Arme, bis sie sich über seinem Kopf befanden und ganz gestreckt waren. Er stieß keinen Jubelschrei aus, sondern lächelte still, während er seinen Gegner, der keiner mehr war, nicht aus den Augen ließ.

Dann sanken seine Arme wieder nach unten, er zog seine Boxhandschuhe aus, verneigte sich vor seinem ehemaligen Gegenspieler, legte seine Handschuhe vor ihm nieder und verließ schweigend den Kampfschauplatz. Beim Weggehen drehte er sich nicht um, und er kam nie mehr an diesen Ort zurück.

© Olivia Neeff, 21.01.07